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Die Erkenntnis, dass er Claire Schmerzen zufügte, indem er seinen Hass an Roth ausließ, ließ Reichen zurücktaumeln. Genauso wie der tiefe, von seiner Blutgier hervorgerufene Schlaf am Morgen seine Blutsverbindung zu ihr nahezu völlig ausgelöscht hatte, war es nun seine pyrokinetische Kraft, die fast all seine Sinne ausradierte. Sie hatte ihm beinahe alles geraubt - außer seiner Wut und dem Feuer, das zusammen mit ihr anschwoll.

„Warum hast du es getan?“, fragte er grob. „Warum musstest du Claire haben?“

Roths versengte, durch die Hitze aufgesprungenen Lippen verzogen sich zu einem schmalen Lächeln.

„Weil du sie wolltest. Und weil sie nicht verstehen konnte, dass ich der bessere Mann war. Du warst ein Nichts verglichen mit mir. Warst du immer. Ich habe sogar das einzige Hindernis beseitigt, das mich daran gehindert hat, ernsthaft hinter Claire her zu sein...“

„Die Frau, die du schon als Gefährtin hattest“, knurrte Reichen.

„Die Frau, die du die Dreistigkeit hattest zu verhätscheln, nachdem ich sie aus gutem Grund zurechtgewiesen habe. Sie hatte es verdient.“

Roth starrte Reichen an, als müsste er sich an das Ereignis erinnern, von dem er sprach. Reichen dachte an seine Begegnungen mit Roth zurück... und erinnerte sich plötzlich an eine verschüchterte Stammesgefährtin, die während eines Empfangs im Dunklen Hafen draußen auf einem Balkon im Regen gesessen hatte. „Ich habe sie hereingeholt und ihr meine Jacke gegeben“, sagte er und erinnerte sich, wie verwundert sie ihn wegen dieser freundlichen kleinen Geste angesehen hatte. „Ihr war kalt, sie hat geweint, also habe ich sie von meinem Fahrer nach Hause fahren lassen.“

„Du hast mich vor meinesgleichen beleidigt.

Schlimmer noch, vor meinen Untergebenen. Du und Ilsa habt mich an diesem Abend gedemütigt.“

„Und deshalb hast du sie umgebracht?“, fuhr Reichen ihn ungläubig an.

„Ein Rogue hat sie angegriffen“, sagte Roth leichthin. Er zuckte die Achseln. „Niemand hat mich wegen dieses Vorfalls verhört. Es waren schließlich enge Mitarbeiter von mir, die das Protokoll aufgenommen haben.“

„Du hast aus reiner Bosheit eine unschuldige Frau getötet, die dir bedingungslos vertraut hat. Und dann hast du dir Claire als Gefährtin genommen, um es mir heimzuzahlen.“

„Und das ist noch nicht alles.“ Roth grinste spöttisch. „Ich habe auch veranlasst, dich loszuwerden. Ohne ein Wort der Entschuldigung bist du für ein Jahr verschwunden. Alle Welt hat sich gefragt, ob du tot bist. Und trotzdem wollte Claire immer noch dich.“

Er spie das Wort förmlich aus.

Eifersucht und Stolz, dachte Reichen. Er fühlte sich ganz elend bei dem Gedanken, dass etwas so Unbedeutendes so unendlich viel Kummer verursacht hatte.

Roths durchdringender, starrer Blick wurde schneidend. „Als mir das klar geworden war, habe ich Claire sogar noch mehr gehasst als dich. Ich hätte es genossen, sie zu töten, Reichen. Genauso, wie ich es genossen habe, die Ermordung deiner Sippe im Dunklen Hafen anzuordnen und deine Hure zu meiner Lakaiin zu machen.“

In Reichen tobten neue Qual und Wut. Jetzt war er fertig mit Roth. Seine Niedertracht machte ihn sterbenskrank. Er streckte die Arme aus und spürte, wie ihm das Feuer aus seinem Innersten in die Glieder strömte, bis in die Fingerspitzen, die er auf Wilhelm Roth gerichtet hielt.

„Stirb, du krankes Arschloch“, zischte er.

Und dann schickte er aus jeder Hand einen wilden Flammenstoß ins Gesicht seines tückischsten Feindes.

Roth starb auf der Stelle, eine Gnade, die Reichen ihm nur um Claires willen gewährte.

Reichen brüllte immer noch vor animalischer Wut, entflammte immer noch den leeren Fußboden, auf dem sich Roths Asche häufte, als er unter seinen Sohlen das erste Rumpeln der Explosion wahrnahm.

Um ihn herum bebten die Wände.

Und dann bebte von der Wucht der Detonation des Labors die Erde.

Claire spürte den exakten Augenblick, als Wilhelm Roth seinen letzten Atemzug tat. Sie erlebte ihn als eine plötzliche Flut des Friedens - ein unglaubliches Gefühl von Freiheit in ihren Venen, das ihren Gliedern neue Kraft verlieh, als sie die letzten Meter auf die alte Scheune zurannte, aus der gerade die Krieger gekommen waren.

Roth war tot.

Andreas lebte.

Oh Gott... konnte die Hölle der letzen Tage und Jahrzehnte, in denen Andreas und sie durch Roths Machenschaften getrennt gewesen waren, tatsächlich zu Ende sein?

Sie wollte es glauben, musste es glauben.

Claire klammerte sich an diese Hoffnung, selbst als die Erde unter ihren Füßen anhaltend und heftig zu beben begann.

„Verdammt!“, schrie eine laute Männerstimme vor ihr in der Dunkelheit. „Habt ihr das gespürt? Dieser Mistkerl jagt alles in die Luft!“

Claire rannte weiter und weigerte sich zu glauben, was sie hörte. Das konnte nicht wahr sein, es durfte nicht geschehen. Nicht, solange Andreas nicht nach draußen in Sicherheit gekommen war.

„Zurück, zurück!“, ertönte in der Nähe Rios rollender Akzent. Der große Krieger kam zusammen mit Renata, Hunter und einigen anderen Kriegern zwischen den Bäumen hervorgestürzt. Er griff nach Claire und versuchte, sie mit ihnen zu ziehen, doch sie wich ihm aus und rannte weiter.

Aus den nachtschwarzen Wäldern drangen weitere Warnschreie und Geräusche von hastigen Bewegungen, als das Rumpeln tief aus der Erde lauter wurde.

Es gab einen heftigen Stoß und kurz darauf ein mächtiges, donnerndes Bumm!

Starke Arme und ein fester, warmer Körper schlangen sich um Claire und drehten sie herum, um ihren Sturz abzumildern, als die Erschütterung sie nach hinten von den Beinen riss. Sie schrie, konnte ihre eigene Stimme aber kaum hören, da die Wucht einer scheinbar endlosen Explosion den Wald unter Getöse erbeben ließ.

„Unten bleiben, Claire“, drang Tegans Stimme als heißer Hauch an ihr Ohr. „Ich habe ihm versprochen, dass ich dich in einem Stück hier rausbringe.“

„Neiiiin!“, schrie sie. Inzwischen war ihr völlig gleichgültig, ob sie am Leben blieb oder umkam.

Entsetzt beobachtete sie, wie die verfallene Scheune in einem gleißenden Flammenmeer und dichtem, wirbelndem Rauch in die Luft ging. Flammen schossen in alle Richtungen, riesige Holzsplitter und glühende Holzteile regneten auf den Wald herab.

Jetzt brachen weitere Flammen aus dem unterirdischen Gang unter der Scheune - dem Eingang des Bunkers, aus dem Andreas erst noch entkommen musste. „Oh mein Gott... nein! Er ist immer noch da unten! Andreas, nein!“

Sie sprang auf. Tegans Griff um ihren Arm war fest, aber sie schüttelte ihn mit einem verzweifelten Aufschrei ab. „Lass mich los, verdammt noch mal!“

Adrenalin und Verzweiflung ließen sie über den mit Trümmern übersäten Boden fliegen. Sie rannte durch die dicht stehenden Bäume, die durch das unheimliche, orangefarbene Licht des Feuers beleuchtet wurden, das an der Stelle loderte, wo noch vor einer Minute die alte Scheune gestanden hatte. Sie spürte, dass Tegan ihr folgte. Auch die anderen Krieger näherten sich schweigend und vorsichtig. Eine der Stammesgefährtinnen murmelte ein leises Gebet für Andreas, liebevolle Worte, die Claire kaum ertragen konnte.

Sie ging näher auf das tosende Feuer zu. Die Hitze war erdrückend und schlug ihr ins Gesicht, als blickte sie in einen aufgerissenen Hochofen. Und trotzdem ging sie immer weiter darauf zu, magisch angezogen von dem Krater voll Trümmern und glimmender Asche, die bei der Explosion in den Bunkereingang geprasselt waren.

„Andreas“, rief sie erst leise, dann lauter, in der Hoffnung, er könne sie hören. In der Hoffnung auf ein Wunder. „Andreas!“

Als sie noch näher treten wollte, so nahe, dass die Flammen sie fast berührten, legte ihr Tegan sanft die Hände auf die Schultern. „Komm, Claire. Tu dir das nicht an.“

„Andre!“, schrie sie eigensinnig. Sie wollte nicht aufgeben.

Aus dem flüssigen Kern des Kraters entlud sich eine neue Funkenwolke und ließ die Trümmer ächzen und schwanken.

Sie fühlte, wie der Griff des Kriegers fester wurde, und wusste, wenn sie noch eine einzige Sekunde länger blieb, würde er sie einfach wegtragen.

Aber Claire rührte sich nicht vom Fleck. Wieder rief sie nach Andreas und schluchzte auf, als erneut ein tiefes Grollen aus der Tiefe ertönte.

Dann bemerkte sie etwas Merkwürdiges in der schwelenden Grube aus Asche und flackernden Flammen...

Tief in ihrem Inneren bewegte sich etwas.

„Ach du Scheiße“, sagte Tegan, der offenbar das Gleiche sah wie sie. „Ach du gottverdammte Scheiße.

Das kann doch nicht sein...“

„Andreas!“, keuchte Claire ehrfürchtig, ungläubig und unendlich erleichtert.

Sie beobachtete, wie die Trümmer sich auflösten und um ihn herum schmolzen, während er aus dem Zentrum des Infernos herauskletterte. Nun stand er am Rand des Kraters, sein Körper weiß glühend von der Energie seiner außergewöhnlichen, schrecklichen Gabe. Über ihm wogten gewaltige schwarze Rauchschwaden. Tosende Flammen schlugen hinter ihm heraus wie aus einem brodelnden Vulkan, und doch stand er unversehrt vor ihr.

„Gott sei Dank“, flüsterte sie, und ihr Herz machte einen Sprung.

Doch dann erkannte sie, dass etwas ganz und gar nicht mit ihm stimmte.

Das Feuer, das ihn einhüllte - das gleiche Feuer, das schon in der ersten Nacht, in der sie ihn in diesem Zustand gesehen hatte, keine Kugeln durchgelassen hatte - , mochte das Einzige gewesen sein, was ihn vor der tödlichen Kraft der Explosion bewahrt hatte. Doch das Glühen, das ihn umgab, war gleißender als je zuvor. Und seine Glut heißer als alle anderen Feuer, die rings um ihn loderten.

Sein Blick, den er von Claire zu den anderen wandern ließ, war völlig leer. Aus seinen Augenhöhlen drang Licht, sengend und unmenschlich. Gnadenlos.

Claire, zögerlich geworden, machte einen Schritt auf ihn zu. „Andreas? Andre... kannst du mich hören?“

Der leere, brennende Blick fiel wieder auf sie zurück. Ein Hitzestrahl schoss ihr entgegen und drängte sie einige Schritte zurück. Da begriff sie, dass er sie gar nicht ansah, sondern durch sie hindurch. Er sah sie nicht, ebenso wenig, wie er die übrigen Krieger sah, seine Freunde, die in bestürztem Schweigen vor ihm standen. Claire erkannte die Gefahr, die er darstellte, auch wenn er inzwischen in einem Zustand war, in dem er nichts mehr wahrnahm.

Sie musste zu ihm durchdringen. „Andre, ich bin es, Claire. Sprich mit mir. Sag mir, dass du mich kennst.

Dass du in Ordnung bist.“

Ein tiefes, tödliches Knurren drang aus seiner Kehle. Davon ließ sie sich nicht einschüchtern. Ohne den Blickkontakt zu unterbrechen, machte sie einen weiteren Schritt auf ihn zu.

„Herrgott noch mal“, zischte Tegan ganz in ihrer Nähe. „Claire, du solltest nicht...“

Ein Feuerball flog durch die Luft und schlug vor Tegans Füßen im Boden ein.

„Andre, nicht!“

Mit einem Sprung wich Tegan der Attacke aus und zog Claire mit sich. Da brüllte Andreas auf und ließ einen jähen Hagel Feuerkugeln aufstieben. Schwarze Erdbrocken wurden losgerissen, als die baseballgroßen Geschosse aufschlugen und alle zurückdrängten. Claire schrie ihn an, damit aufzuhören, und einen Moment lang glaubte sie, er täte es. Er sah sie an, hob dann aber plötzlich die Hände zum Kopf und begann zu taumeln. Das Glühen um ihn herum wurde schwächer, während er sich mit schmerzverzerrtem Gesicht die Handflächen an die Schläfen presste.

Als Claire einen Blick neben sich warf, sah sie auch warum.

Renata fixierte ihn mit starrem Blick. Wie vor Kurzem die Gen-Eins-Killer bombardierte die Stammesgefährtin nun Andreas mit der Kraft ihrer übersinnlichen Gabe.

Er fiel auf die Knie, und die Hitzewellen, die über seinen Körper zuckten, flackerten wie Stroboskoplicht.

Als sie von ihm abließ, keuchte und zitterte Andreas. Doch immer noch war er von Glut umhüllt.

Und als er den Kopf hob, erschütterte der Schrei, der aus seinem Mund drang, den gesamten Wald mit wilder, tödlicher Wut.

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